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PNP | 21.02.2020 | Damit die Welt nicht verstummt

Insektenforscher Andreas Segerer: Verlust der Lebensräume, Düngung und Pestizide sind Ursachen des Artensterbens

Von Theresia Wildfeuer. "Handeln, bevor es wirklich wehtut", das hat der Entomologe Dr. Andreas Segerer von der Zoologischen Staatssammlung München angesichts des dramatischen Insektensterbens gefordert. Es sei für die Menschen bedrohlicher als der Klimawandel, weil Insekten für das menschliche Leben als Bestäuber, Gesundheitspolizei und Nahrungsquelle für andere Tiere essenziell sind. Auf einem Vortragsabend des Naturwissenschaftlichen Vereins Passau unter dem Thema "Insektensterben in Bayern: Ursachen, Folgen und Strategien" im Kulturmodell mahnte er vor rund 150 Besuchern eine nachhaltige Lebensweise und einen Systemwandel an.
Insekten zählten zu den größten Tiergruppen der Welt und seien daher Bioindikatoren, sagte Segerer, Vorsitzender der Entomologischen Gesellschaft in München. Das dramatische Verschwinden der Arten bedeute, dass es um den Zustand der Umwelt schlecht bestellt ist. Das Artensterben sei mittlerweile sichtbar, sagte Segerer. Auf den Windschutzscheiben der Autos gebe es kaum mehr Insekteneinschläge. Die "Krefelder Studie" zeige, dass in den letzten 30 Jahren die Insektenbiomasse selbst in Naturschutzgebieten um 76 Prozent sank. Seinen Forschungen von 2016 zufolge seien 366 Schmetterlingsarten in Bayern ausgestorben. 30 Prozent, dies seien 1000 Arten, stünden auf der roten Liste. 50 Prozent, rund 1700 Arten, seien stark abnehmend. Eine Million Arten stünden weltweit vor der Ausrottung. 75 Prozent davon seien Insekten – ein menschengemachtes Massensterben.
"In einer Welt ohne Insekten kann die Menschheit noch zehn Jahre leben", zitierte Segerer den Evolutionsbiologen Edward O. Wilson. Auch er selbst warnte vor Dominoeffekten und Kipppunkten. Jede Art habe eine bestimmte Funktion in den Kreisläufen der Natur. Seine Sorge sei nicht, dass die Menschheit ausstirbt, sondern dass die Gesellschaft auseinanderbricht, wenn die Verteilungskämpfe angesichts knapper Ressourcen beginnen.
Ursache für das Insektensterben sei die Veränderung der Lebensräume, sagte Segerer. Am Beispiel des Schwalbenschwanzes verdeutlichte er, dass Futterpflanzen fehlen. Düngung verändere Pflanzen und Mikroklima. Das Insektensterben sei ein Zeichen für das Verschwinden der Lebensräume, die sich in nie gekanntem Tempo veränderten. Es gebe kaum noch artenreiche und Magerwiesen, kaum nährstoffarme Biotope. Zwei Drittel der 863 Biotoptypen in Deutschland seien gefährdet.
Haupttreiber des Insektensterbens in Deutschland sei die Zerstörung der Lebensräume, bilanzierte Segerer. Dafür verantwortlich seien die Homogenisierung der Landschaft, Intensivierung und der Flächenfraß, dem in Bayern täglich zwölf Hektar zum Opfer fielen sowie die Habitatfragmentierung, die zu Inzucht und genetischer Verarmung führt. Auch invasive Arten zerstörten intakte Gebiet. Den Insekten setzten zudem Immissionen chemischer Stoffe zu, vor allem Stickstoff, den viele Pflanzen nicht vertragen, der sich auch durch Luftdüngung verbreitet. Die Natur ersticke am Stickstoff. Hinzu komme die überregionale Vergiftung mit Pestiziden, vor allem Neonikotinoiden, die bis zu 10000-mal giftiger als DDT seien. 80 Prozent der Proben in Europa seien belastet, 48 Prozent enthielten bienenschädliche Konzentrationen.

Segerer mahnte, sich vom Wachstumsdogma zu verabschieden; Natur sei nicht zum Nulltarif zu nutzen. Es gehe nicht an, Profite zu privatisieren und die Kosten auf Bürger und Kinder abzuwälzen. Er forderte eine Agrar- und Verkehrswende und warb für einen Solidarpakt von Erzeugern, Handel, Verbrauchern und Gastronomie, wie er in Österreich schon gelinge. Jede und jeder könne zu Systemwechsel und nachhaltiger Lebensweise beitragen, damit die Welt nicht verstummt.
"Aufgeben ist keine Option", sagte Segerer in der regen Diskussion. Dabei ging es um die europäische Bürgerinitiative "Bienen und Bauern retten", über die Frederic Sascha Müller informierte. Segerer betonte deren Bedeutung für eine europäische Agrarwende. Es gehe um weniger Pestizideinsatz, Vernetzung von Biotopen und "echte Wiesen". Er lobte das Schweizer Modell, Landwirte nach Umweltschutzkriterien zu subventionieren. Bürgermeister Urban Mangold kritisierte die geplante Rodung des Jägerholzes, eines Mischwalds in Patriching, und die Ausleuchtung von Uferwegen neben Straßen. Eine Vertreterin des Bürgerforums Umwelt in Vilshofen lud Segerer ein, konkrete Empfehlungen für Kommunen zu erstellen. Mit einem insektenfreundlichen Garten oder dem Kauf von Biolebensmitteln vom Bauern könne man gegensteuern, sagte eine Teilnehmerin. Gerhard Nagl riet zu mehr Umweltbildung. Die Menschen sollten wissen, was kreucht und fleucht. Das sah auch Segerer so, der mehr Artenkunde und Wertschätzung des Artenkennens wünschte.

Andreas Segerer sei unterwegs, um wachzurütteln, sagte Dr. Willy Zahlheimer, Vorsitzender des Naturwissenschaftlichen Vereins Passau, der zusammen mit Karl Haberzettl, Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz Passau, Gudrun Dentler, Vorsitzende des Landesbund für Vogelschutz, Gerhard Nagl vom "Grünen Herz Europas" und dem BN Deggendorf zu dem Vortrag eingeladen hatte.