Michael Held - ehem. Forstbetriebsleiter geehrt

Als ich vor Jahrzehnten dem Bund Naturschutz beitrat, dominierten die Themen „Atomkraft“ und „Waldsterben“ die gesellschaftliche Debatte. Das Buch „Projekt Ermutigung – Eine Streitschrift wider die Resignation „ von Robert Jungk half mir dabei, auch bei schwierigen Diskussionen eine positive Grundhaltung zu bewahren.

Michael Held - Goldene Ehrennadel des BN

19.05.2016

Und wo stehen wir heute bei den Themen Atomkraft und Waldsterben? Ich denke, es hat sich vieles zum Positiven gewendet.

Der Atomausstieg ist beschlossen und die Energiewende ist eingeleitet, wenngleich die Umsetzung zu wünschen übrig lässt.

Das Waldsterben ist dank der Luftreinhaltepolitik nicht, wie prognostiziert, eingetreten, ganz im Gegenteil: Der Wald geht es heute besser als je zuvor.

Er ist älter, er ist bunter geworden, das heißt reicher an Mischbaumarten, vorratsreicher und reicher an Totholz.

Das belegt nicht nur die aktuelle Bundeswaldinventur, sondern auch der Indikatorenbericht zur nationalen Biodiversitätsstrategie.

Dennoch könnte man angesichts mancher Medienberichte meinen, der Wald werde zwar nicht mehr durch Schadstoffe, sondern vielmehr durch die Förster bedroht. Um was geht es? Es gibt eine intensive Auseinandersetzung um den Waldnaturschutz. Es geht um die Frage: Integration oder Segregation?

Fasst man den Stand der aktuellen Diskussion zusammen, so bleibt festzuhalten, dass wir Beides brauchen. Denn ein Waldnaturschutz muss alle Stadien der Waldentwicklung umfassen, vom jungen zum alten Wald bis hin zum zerfallenden und wieder sich erneuernden Wald.

Der Wirtschaftswald mit seiner naturnahen Bewirtschaftung, mit Totholz und Biotopbäumen braucht hingegen die Ergänzung durch nutzungsfreie Gebiete.

Denn nur nutzungsfreie Wälder weisen Zerfallsstadien auf, auf die viele seltene Arten – Tiere wie Pflanzen, angewiesen sind.

Es braucht aber auch eine offene, respektvolle Gesprächskultur zwischen Naturschützern und Waldeigentümern zur Frage der Größenordnung nutzungsfreier Waldgebiete. 

Und bei diesen nutzungsfreien Waldgebieten, seien es Biosphärenreservate oder Nationalparke, erscheint mir folgendes wichtig:

*Es handelt sich hierbei um national bedeutsame Landschaften. Die Auswahl sollte daher auch nach nationalen Prioritäten erfolgen

*Wo „Nationalpark“ drauf steht, sollte auch „Nationalpark“ drinnen sein. Dass die bundesweit größten Kahlschläge ausgerechnet in den Nationalparken Harz und Bayerischer Wald erfolgen, schadet der Nationalparkidee in höchstem Maße. Aufbauend auf den Erkenntnissen über die natürliche Regeneration von Wäldern im Rachel-Lusen Gebiet sollte man die Nationalparkverordnung auch diesem aktuellen Kenntnisstand anpassen.

*Bei den Großschutzgebieten geht es nur untergeordnet um Artenschutz, hier steht der Schutz natürlicher Prozesse im Vordergrund. Und zudem sind diese Schutzgebiete Leuchttürme der Umweltbildung und eines naturorientierten Tourismus. Und das Erfahren von Wildnis ist auch elementar für ein spirituelles Erleben.

Der Begründer der Umweltethik, der Deutsch-Amerikaner Aldo Leopold meint hierzu:
„Für mich ist es unvorstellbar, dass eine ethische Beziehung zum Land ohne Liebe, Rücksicht, Bewunderung und Hochachtung für seine Welt bestehen kann“.

Und dies gilt meines Erachtens gleichermaßen, für die genutzte wie die ungenutzte Natur.